20.05.2020
Stellungnahme zu „Kirche hat versagt“ – Nein, Frau Lieberknecht!

Widerspruch von Superintendentin Beate Marwede, im Namen der Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises Meiningen

Die ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht übt harte Kritik an „der Kirche“. Sie habe versagt, die Gotteshäuser geschlossen, sich der Seelsorge für Kranke und Sterbende (genannt werden Hundertausende) entzogen, sie ohne Trost und Beistand gelassen.

https://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/erfurt/lieberknecht-kritisiert-kirchen-100.html

(Das Interwiew in "Die Welt" ist nur gegen Bezahlung nachlesbar.)

Als Superintendentin des Kirchenkreises Meiningen, damit verantwortlich für die Haupt- und Ehrenamtlichen der „Kirche vor Ort“, weise ich diese Kritik aufs schärfste zurück.

In der Zeit des „Shut downs“ waren viele Kirchen verlässlich geöffnet, Andachts- und Gebetsblätter lagen aus, Andachten und Gottesdienstanleitungen wurden in den Häusern verteilt. Pfarrerinnen und Pfarrer, Mitarbeitende im Verkündigungsdienst und Ehrenamtliche standen für seelsorgerliche Gespräche zur Verfügung, am Telefon, in den Kirchen (unter Einhaltung des Abstandsgebotes). Es gab Video- und Audiobotschaften, Gottesdienste in „Netz“, Briefe wurden geschrieben. Über den Gartenzaun, am Fenster wurde gesprochen, zugehört, getröstet und gebetet und – sofern gewünscht – auch Kranke und Sterbende besucht. Letzteres geschah ohne großes Aufsehen, in seelsorgerlicher Verantwortung.

Trauergespräche wurden geführt, denen, die nicht an der Trauerfeier teilnehmen konnten, wurden vielfach Gebetszettel zur Verfügung gestellt oder andere Hilfen gegeben, wie sie im Abschied getröstet werden.

Musiker haben vor Pflegeheimen, an Fenstern, auf Balkonen oder vom Kirchturm aus musiziert.

Beim Glockenläuten wurde in den Häusern gebetet. Wir haben erfahren, dass die Fürbitte verbindet, auch wenn wir leibhaftig nicht zusammen kommen können.

Die Christenlehre-Kinder haben Mutmach-Geschichten und kreative Angebote geschickt bekommen, die sie oftmals auch mit anderen, nicht zur Kirchengemeinde gehörigen Kindern geteilt und diese erfreut haben.

Die Kirchenkreissozialarbeit hat ein Hilfsnetz für diejenigen geknüpft, die praktische Unterstützung brauchten. Und unter denen, die öffentlich ihre Hilfe anbieten, sind viele haupt- und ehrenamtliche „Kirchenmenschen“.

Mich hat bewegt, mit wie viel Einsatz, Phantasie und Engagement die Haupt- und Ehrenamtlichen in unserem Kirchenkreis das Wort Gottes „unter die Leute“ gebracht haben. Ich bin dankbar dafür.

Und ich weiß, dass in vielen Kirchenkreisen ähnlich engagiert gearbeitet und gebetet wurde.

Ich erlebe die Kirchenleitung der EKM als sehr bemüht, das Mögliche in dieser besonderen Situation auszuloten. Personalverantwortung, Verkündigungsauftrag, Seelsorge, Arbeitsschutz und Fürsorge für die Gesundheit der Gemeindeglieder wie der Mitarbeitenden abzuwägen und schnell zu Entscheidungen zu kommen, sind eine hohe Herausforderung. Ob Entscheidungen die richtigen oder die angemessenen waren, erschließt sich oftmals erst im Rückblick.

Deshalb verärgert mich die pauschale Kritik von Frau Lieberknecht in gleicher Weise, wie die in „idea“ veröffentlichte Kritik des Thüringer Pfarrvereins. Sie missachten das engagierte Mühen der Kirche, nämlich der unzähligen Haupt- und Ehrenamtlichen und auch der Leitenden in der Kirche für Menschen in der Zeit der Corona-Pandemie da zu sein.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier einige mit markigen Sprüchen profilieren und so ihre öffentliche Bühne suchen.

Ich möchte mich nicht einer theologischen und inhaltlichen Auseinandersetzung entziehen, diese hat aber in gegenseitiger Wertschätzung und Achtung zu geschehen. Diese vermisse ich bei Frau Lieberknecht schmerzlich und beim Thüringer Pfarrverein in gewohnter Weise.

Ich danke für die vielen, die in Liebe zu Gott und den Menschen ihren Dienst tun.

Beate Marwede, Superintendentin


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B. Marwede