Mein Name
02.03.2020

Ich erinnere mich noch lebhaft. Die weiße Raufasertapete im Flur und ein Bleistift in der Hand. Schreiben hatte ich noch nicht gelernt aber die Wand zieht mich an. Das Kunstwerk bleibt nicht ungesehen. Mein Vater fragt mich, ob ich es war. Ich gehe auf Nummer sicher: „Nein“, ist meine Antwort. Man will ja keinen Ärger. Dass ich der Einzige im Haus bin, zu dem Höhe und Ausführung der modernen Höhlenmalerei passen, ist mir nicht bewusst. Ich fliege auf. Das Schreiben auf Wänden wird verboten.

Ein paar Jahre später. Meine Eltern renovieren das Haus. Mein Vater gießt Beton für den neuen Parkplatz. Hier darf ich mich ganz offiziell verewigen. Mit dem Finger schreibe ich meinen Namen und das Jahr in die graue Masse. Kein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame in Los Angeles aber immerhin: mein Name im Boden. Wenn ich meine Eltern besuche, sehe ich die alte Schrift. Jahr um Jahr rückt mein Name ein Stück in die Vergangenheit. Ich bin nicht mehr der zehnjährige Junge. Und doch bin ich immer noch der, dessen Name dort im Beton zu lesen ist. Das bin ich.

Kinder schreiben ihre Namen an die Tapete. Heranwachsende hinterlassen sie an den Betten in der Jugendherberge. Konfirmandinnen und Konfirmanden kritzeln ihre Namen ins Gebälk des Glockenturms. Verliebte verzieren damit Schlösser, die sie an Brücken hängen. Der eigene Name kommt an den Spind, auf die Arbeitskleidung, an das Büro, in die Firmenbezeichnung und an die Wohnung oder das Haus. Hier sind wir. Mit diesem Ort sind wir verbunden. Das sind wir. Das bin ich.

In der Bibel wird von einem Buch des Lebens erzählt. In dieses Buch sind Namen geschrieben. Namen von Menschen, die bei Gott zuhause sind. Namen, die uns erinnern, wo wir herkommen und wer wir sind. Es gibt eine alte Liedstrophe. Dort heißt es am Ende über Gott: „Der mich liebt, der mich kennt, und bei meinem Namen nennt.“ Gott kennt unsere Namen. Manchen mag dieser Gedanke fremd sein. Mich tröstet er. Gott kennt mich. Bei Gott ist ein Zuhause für mich. Mein Name steht dort geschrieben.

Manfred Kiel (Vikar der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Meinigen)