ER kommt!
16.12.2019

Eine junge Frau war schon zwei Monate vorher fest entschlossen... als im Oktober die ersten Schokoladenweihnachtsmänner in den Regalen auftauchten, stand für sie fest: Ich fahre weg, am besten gleich - Weihnachtliches hatte keine Bedeutung mehr für sie, sie hatte es satt.

An einem Novembertag macht sie sich auf, um ihre Fahrt zu buchen. Auf ihrem Weg kommt sie an der Stadtkirche vorbei. Schon ist sie vorbeigeeilt, doch irgendetwas in ihr lässt sie auf einmal stehen bleiben. Warum eigentlich nicht? Wenn sie ehrlich ist, erwartet sie schon lange nichts mehr von Gott, und von der Kirche auch nicht.

Als sie in die Kirche eintritt, müssen ihre Augen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Sie schaut sich um, scheint allein zu sein. Wie gut mir diese Stille tut, denkt sie. Dann bleibt ihr Blick an einem warmen Lichtschein hängen. Sie betrachtet die Kerzen da, wie die eine oder andere Flamme ein wenig flackert und spürt, wie sie selbst ganz ruhig wird.

An eine Wand in einer kleinen Nische sind viele bunte Zettel geheftet. Gebete - stellt sie fest, Gebete ganz unterschiedlicher Art, die Menschen auf Zettel geschrieben haben. "Ich danke dir, Gott, dass du mir geholfen hast in meiner Not!" oder "Herr, Gott, hast du mich vergessen? Siehst du nicht..." - so fangen viele der Gebete an. Auf manchen Zetteln schildern die Menschen ihre persönliche Situation.

Die junge Frau liest einige der Gebete, dabei hat sie deutlich spürbar das Gefühl, an dem Leben dieser Menschen Anteil zu nehmen. Wie eigentlich lernt man wieder beten? - denkt sie. Die junge Frau erinnert sich daran, dass sie als Kind mit ihrer Großmutter regelmäßig gebetet hat. Als sie gerade wieder gehen will, fällt ihr Blick auf einen größeren Zettel, der etwas am Rande hängt. "Gott, so schau nun vom Himmel und sieh herab! Du, bist doch unser Vater, unser Erlöser. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat je gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn warten."

Die junge Frau liest das Gebet ein zweites Mal - zögernd, wie man einen Satz in einer Fremdsprache liest. Einiges von dem, was sie gelesen hat, kann sie auf Anhieb verstehen, Menschen, die in ihrer Not leidenschaftlich nach Gott suchen. Die Kraft und der Mut und vor allem die Hoffnung, die diese Gebete tragen, lassen die junge Frau nicht wieder los, die Hoffnung, dass Gott zu uns kommt, wenn wir im Gebet mit ihm sprechen und beharrlich auf ihn warten.

Pfr. i. R. Heinrich von Berlepsch, Walldorf