Ein Halleluja unterm Regenschirm
17.10.2019

Neuerdings liegt in unserem Auto ein gelber Regenschirm. Er passt sehr gut zu der Kleidung, die ich trage. Er lässt meine schwarze Jacke nicht mehr so düster aussehen und er betont meine blaue Hose. Mit ihm lässt es sich elegant durch das Laub stochern oder auf irgendetwas weit Entferntes zeigen. Auch habe ich einfach das Gefühl, mit ihm besser gesehen zu werden. Gerade jetzt, da die Jahreszeit wieder dunkler wird.

Ja wirklich, dieser Schirm hat es mir angetan. Im Auto verbraucht er nicht viel Platz, und zugleich bedeutet er mir sehr viel. Er erinnert mich mitten im Regen an mein Zuhause. Indem er mir einen Quadratmeter trockenen Boden schenkt und mir das kalte Wasser von meinem Gesicht fernhält, erinnert er mich an meine warme und trockene Wohnung.

In Hongkong demonstrieren seit Monaten Menschen gegen ein Regime, das ihnen ihre Rechte nehmen möchte. Sie haben das Gefühl, dass ihnen ihre Stadt genommen wird. Seit fünf Jahren steht für ihre Protestbewegung der gelbe Schirm.

Es kommt den Demonstrierenden nicht darauf an, dass sie der gelbe Schirm besonders gut kleidet. Nein. Sie möchten gesehen werden. Sie möchten auf die Missstände aufmerksam machen. Sie zeigen ganz deutlich, dass sie für ihre demokratischen Rechte eintreten. Sie wehren sich gegen einen willkürlichen Staat, der Menschen deportiert und Medienzensur betreibt. Sie wehren sich dagegen, dass er ihnen ihr Zuhause wegnimmt.

In letzter Zeit enden ihre Proteste oft in Gewalt. Einige von den Demonstrierenden schlagen. Die Polizei schlägt zurück. Es eskaliert. Doch nicht immer. Immer wieder stimmen Chöre aus dem Zug der Demonstrierenden Lieder an. Mit dabei ein Halleluja. „Singt Halleluja unserm Herrn!“ singen sie auf Englisch „Sing Halleluja to the Lord!“. Ein Hoffnungslied, das es auch in Deutschland gibt. Es ist sehr eingängig und besteht nur aus diesen fünf Wörtern. Sie singen im Chor und antworten sich gegenseitig mit denselben Worten.

Ein Lied, das die ganze Demonstration zu einer Gemeinde werden lässt. Man kann auf Videoaufnahmen hunderte bis tausende Menschen dieses Lied singen hören. Im dunklen Regen leuchten die Schirme, und der Ruf der Hoffnung wird laut.

Mein gelber Schirm im Auto erinnert mich an diese Hoffnung und den Mut der Menschen. Während mein trockenes Zuhause noch weit weg ist, leuchtet mein Schirm. Und in meinem Kopf stimme ich in das Halleluja mit ein, damit es friedlich bleibt.

Vikar Aaron Rogge, Friedelshausen