Der Bombenfund - Besinnung zum Buß- und Bettag
19.11.2019

Der Bombenfund vor einer Woche hat in mir einige Fragen ausgelöst. Wie sicher ist eigentlich das Fundament meines derzeitigen Wohnhauses in der Berliner Straße? Ist es besser, lieber nicht zu graben, alles schön überdeckt lassen, nur nichts verändern?

Zum Glück, sag ich bewusst in diesem Jahr, zum Glück sind nicht alle Mauern so stabil wie prognostiziert, und mit dem Abriss verbunden stehen dann eben auch beunruhigende Fragen nach der Sicherheit der gewonnenen freien Fläche. Wer die Wahl hat zwischen Fassade - oder Fundament erneuern wählt Fassade.

Ich hab ohnehin den Eindruck, das Fassadendekorieren ist hierzulande ein besonderer Volkssport, und bald gehts ja wieder los - die große Dekozeit. Doch vor diesen glühweinschwangeren Wochen noch drei emotionale Brocken, die man gern hinter sich weiß. Volkstrauertag, Totensonntag und in ihrer Mitte heute der Buß und Bettag werfen die Lebensfragen auf, an die letztlich doch keiner vorbei kommt.

An diesen Tagen geht es ans „Eingemachte“ - sprich an die Fragen: Wie sieht das Fundament meines persönlichen Lebenshauses aus? Ähnlich des Vorgehens eines Sprengmeisters bedarf es dabei einer gewissen Behutsamkeit, es braucht manchmal einen ganzen Tag, es braucht Geduld und manchmal auch das Fachwissen von Psychologen, Therapeuten, Pädagogen und Seelsorgern.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Lebenshaus kann heißen, wirklich mal den Keller aufzuräumen, Dinge aus der Welt zu schaffen, die einen schon lange bedrücken. Sein Haus zu bestellen kann ganz konkret heißen, sein Testament zu machen. Es ist eine bedrückende Erfahrung, dass in vielen Familien die Zeit der Trauer auch die Zeit der Erbstreitigkeiten ist.

Wenn diese Fragen rechtzeitig vor dem Tod geklärt wurden, besteht nach dem Tod weniger die Gefahr von Streit. Sein Haus zu bestellen kann heißen, sich selbst und anderen zu verzeihen; mit vertanen Chancen, Lebenssackgassen oder Verstrickungen barmherzig umzugehen. Es kann heißen: sich Zeit zu nehmen, „Bomben“ zu entschärfen, sich Blumen zu schenken, sich in die Arme zu nehmen, sich zu besuchen, sich umeinander zu kümmern. Der „Buss und Bettag“ macht Mut dazu zu, jedes Jahr aufs Neue.

Pfarrer Tilmann Krause, Meiningen