Blickrichtung Leben

In meiner Familie geraten gerade Planungen durcheinander. Meine zehnjährige Enkelin aus Halle wollte lange geplant dieses Wochenende ihre Patentante in Berlin besuchen und u. a. dort mit ihr ins Ballett gehen. Nun fallen alle Veranstaltungen in der Oper bis Mitte April aus. Vielleicht wird sogar der ganze Besuch ausfallen, weil die Wahrscheinlichkeit für die Berliner Familie steigt, wegen positiver Corona-Testung in der Nachbarschaft in Quarantäne zu müssen.

Vermutlich geht es derzeit vielen in unserem Land so. Jetzt geraten Planungen durcheinander. Vorhaben können nicht stattfinden oder müssen zumindest geändert werden. Wir sind das in so großem Umfang nicht gewohnt. Wir sind doch zumeist sehr planvolle Menschen. Familienfeste, Reisen und auch Konzertbesuche sind oft schon lange im Voraus geplant, gebucht und bezahlt. Es schmerzt, wenn dann alles anders kommt. Vorfreude weicht der Enttäuschung.

Menschen in früheren Zeiten waren nicht so stark verplant. Sie wussten aus Erfahrung, dass das Leben oft anders kommt, als man denkt.

Ich verstehe den gegenwärtigen Versuch der Eindämmung einer Corona-Epidemie eigentlich auch als Chance: dass wir uns zurechtrücken mit all unseren Plänen und Prioritäten. Das Leben wird gerade langsamer. Die Hektik des Alltags und unserer Freizeitgestaltung wird plötzlich hinterfragt. Was ist jetzt wirklich wichtig?

In unseren Prioritäten sollte die Rücksicht eine große Rolle spielen: dass wir niemanden gefährden mit unseren Aktivitäten, zumal für ältere Menschen eine COVID-19- Erkrankung sehr viel gefährlicher ist als für Jüngere. Wir sollten achtsam füreinander sein und vielleicht Kontakte und Vorhaben einschränken.

Gewiss, niemand schränkt sich gern ein. Aber es könnte lehrreich sein, mehr Rücksicht zu leben. Und es ist ein gutes Stück Lebensweisheit, sich bewusst zu sein, dass wir unser Leben nicht vollständig im Griff haben. In unseren Planungen können wir wie die Altvorderen mit einem Bibelzitat sagen: „So Gott will und wir leben, wollen wir dies oder das tun.“

Nicht Panik angesichts der neuen Erkrankung möge uns ergreifen, sondern Rücksicht, Achtsamkeit und Zurechtrücken der eigenen Lebensmaximen. Es gilt ein verantwortlicher Blick nach vorn, ein Blick der Hoffnung. Der Glaubende lebt hoffnungsvoll aus der Gewissheit, in Gottes Hand behütet zu sein. Oder wie es in den Gottesdiensten an diesem Sonntag gebetet werden wird:
Meine Augen sehen stets auf den Herrn“.

Dr. Irene Wiertelorz, Milz