Der Klügere gibt nach
06.02.2020

Ich war schon über 30 Jahre alt, als ich zum ersten Mal, unter Kommentierung einer Hundebesitzerin, beobachten konnte, dass ein Hund, nachdem er sich kurz mit einem anderen knurrend angebellt hatte, auf den Boden legte und damit klein machte. Es hieß, er signalisiere so dem anderen Hund, dass dieser gewonnen habe, und er selbst sich unterwerfe. Wahrscheinlich der klügste Weg, um bald wieder seine Ruhe zu haben und weiter das tun zu können, was er vor dem Anknurren getan hat. Der andere Hund war damit auch zufrieden und fühlte sich als Gewinner.

Irgendwie primitiv, dachte ich. Ich war damals über dieses Verhalten und die Selbstverständlichkeit, es so zu deuten, erstaunt. Natürlich war mir das Sprichwort „Der Klügere gibt nach!“ bekannt, aber so archaisch hatte ich mir das nie vorgestellt. Heißt „nachgeben“ nicht einfach nur, zu schweigen und möglichst neutral zu gucken? Offenbar nicht. Das, was der Hund machte, erinnerte eher an Verlieren, Unterwerfung, ja sogar Selbstaufgabe.

„Gut, ok“, dachte ich, „es sind ja Tiere. Zum Glück gibt es solch primitives Verhalten in der Menschheit nicht mehr. Vielleicht war das zur Urgesellschaft noch so, auch noch im Mittelalter, im alten Preußen und im Zweiten Weltkrieg, aber all das ist ja lange her, und seitdem ist die Menschheit vernünftig geworden. Wir haben Demokratie, Frieden, eine solide Europäische Union und viele Bücherregale voll mit Literatur über gewaltfreie Kommunikation.“ Das war so Anfang der 2000er und ich ahnte noch nicht, was in den 2010er Jahren losgehen würde…

Seitdem die Trumps, Putins, Erdogans und Bolsonaros diese Welt anscheinend übernommen haben, hat die Demonstration von Muskelkraft wieder Einzug in die Politik genommen, und all das errungene Gute scheint Stück für Stück dem Populismus und der Machtbesessenheit Einzelner geopfert zu werden. Konflikte werden wieder militärisch ausgetragen anstatt mit Argumenten. Menschen passen sich an, unterwerfen sich, damit sie nicht verfolgt werden. Machthaber erfreuen sich an der Folgsamkeit ihrer Untergebenen, die in Wirklichkeit nur auf Angst basiert. Die Dummheit ist zurückgekehrt und wird gefeiert und angebetet. Wie traurig!

Aber „der Klügere gibt nach“. Der Klügere hat meist nicht die lauteste Stimme, nicht die majestätischste Erscheinung, schon gar nicht den härtesten Faustschlag. Aber er hat die Klugheit. Und die Botschaft. Eine Vision, die für die Erde und alle Menschen auf ihr heilsam ist. Es mag nicht so leicht sein, diese Botschaft neben all dem Lärm der Populisten zu hören. Aber es ist mit ein wenig Anstrengung möglich und das Einzige, was uns voranbringt.

Das Faszinierendste an dem Menschen Jesus Christus, der so ganz in das Bild dieses Klügeren passt, ist eben seine Weisheit und nicht irgendein großartiges Erscheinungsbild. Jesus ist im obigen Bild der Hund, der sich klein macht. Er beißt nicht zurück. Er verhält sich still und wartet geduldig, bis die Leute ihm zuhören. Und das funktioniert. Sie kommen und hören ihm zu. Das macht mir Mut!

Und ich grüße Sie, liebe Leser, mit der Tageslosung für diesen Sonntag: „Jesus Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt.“ (Eph. 2, 17) Den Frieden, den wir unbedingt brauchen!

Marc Scheidig