Dann stand die Welt einen Tag lang still.
15.02.2020

Erst schien es nicht so. Es war Sonntagabend und der Sturm hatte auch uns erreicht. Draußen war es deswegen nicht still, sondern es tobte der Wind.

Eigentlich wollte unser Besuch vom Wochenende am Sonntagabend den Zug zurück nach Hause nehmen. Aber die Bahn hatte den Fernverkehr eingestellt und so war unser Besuch für eine weitere Nacht bei uns gestrandet. Verlängerter Zwangsurlaub könnte man meinen.

Der nächste Tag war doch schon verplant gewesen. Der Sturm hatte die persönlichen Pläne geändert. Keine Rückkehr in das eigene Heim. Keine Verabredungen am nächsten Tag, die doch schon alle geplant waren. Kein Arbeiten. Kein gewohnter Alltag.

Unser Besuch fügte sich stoisch in sein Schicksal. Wir saßen auf der Couch und hörten dem Wind zu. Wir hörten ihn toben und zerren. Eine Mülltonne oder etwas ähnliches musste dem Lärm nach umgefallen sein. Wir hörten, wie der Sturm an unseren Fenstern zog. Wir sahen, wie er die Wipfel der Bäume bedrohlichen wanken ließ. Überall flogen kleine bis mittelgroße Äste durch die Gegend als wären sie aus Stroh.

Dem gegenüber wurde es in uns nach dem Trubel des Wochenendes ruhig. So bedrohlich sich draußen das Wetter gebar, desto friedlicher wurde es in unserer Wohnung. Fast andächtig. Der Sturm hatte eine magische Atmosphäre geschaffen.

Wir unterhielten uns den ganzen Abend und ließen dabei unsere Gedanken schweifen. Wir erinnerten uns an die Erlebnisse, die wir schon zusammen durchlebt hatten. An die Stürme des Lebens, die wir schon zusammen überstanden hatten. Wir erinnerten uns, wie wir uns in den Böen des Lebens versuchten, gegenseitig Halt zu geben. Damals wie heute.

Uns wurde einmal mehr klar, wie lange schon unsere Freundschaft dauerte und wie lang der bereits zurückgelegte Weg war. Wir spürten tiefe Dankbarkeit füreinander. Dafür, dass wir uns einander schon so lange Orte zum Stranden im Sturm gegeben hatten.

Rückblickend war der Sturm am Sonntagabend der ruhigste und besinnlichste Teil des Wochenendes. Der Sturm hatte dem Trubel der beiden Tage endlich eine Ruhepause gegenübergesetzt. Die Welt stand einen Tag länger still. Wir waren dankbar für diese unerwartet geschenkte Zeit.
Aaron Rogge, Vikar