Besinnung vom 26.10.2019
26.10.2019

An den Fall der Mauer vor 30 Jahren denken wir in diesen Tagen. Für viele ist das weit weg; noch weiter weg ist die Zeit davor.

Mich hat diese Zeit geprägt. Im Mai vor 44 Jahren fuhr ich zum ersten Mal von der BRD durch Meiningen nach Bad Frankenhausen. Ich war von meinem Partnerpfarrer eingeladen worden, an den Feierlichkeiten zum 450. Jahrestag der großen Bauernschlacht teilzunehmen. Im Westen lebten wir schon im Überfluss. Man hatte ein Auto, fuhr zum Baden ans Mittelmeer, zum Skifahren in die Alpen. Im Osten schien der Mangel zu herrschen. Lange Schlangen vor den Kaufläden und auf ein Auto musste man jahrelang warten. Die Städte waren grau und die Luft belastet von Braunkohle- und Zweitaktergestank. Die Medien wurden kontrolliert, im Westen gab es eine unendlich vielfältige Medienwelt, auch mit den Schattenseiten menschenverachtender Gewalt und Pornographie.

Da schoss es mir durch den Kopf: Womit habe ich es verdient, dass es mir vom äußeren her so viel besser geht als den Menschen hier? Womit haben wir es heute verdient, dass es uns so viel besser geht als drei Viertel der Menschheit? Ein wenig mehr Dankbarkeit und ein bisschen weniger Jammerei machten das Leben schöner und gäben mehr Kraft zur Veränderung, die dringend nötig ist..

In den nachfolgenden Jahren begann eine neue Phase des Wettrüstens. In der DDR wurde der Wehrkundeunterricht eingeführt. Es hieß: eigentlich ist der Sozialismus friedfertig, aber weil die bösen Imperialisten uns beherrschen wollen, müssen wir unsere Verteidigungskraft stärken. Bei uns in der BRD hieß es: wir westlichen Demokraten sind eigentlich friedfertig, aber weil die bösen Kommunisten uns mit der Weltrevolution überziehen wollen, müssen wir nachrüsten.

Da sagte ich mir: ich lasse mir von niemand irgendjemand zum Feind machen. Ich mache das nicht mit: Hier die Guten, dort die Bösen. Wir feierten schon 1978 das erste Friedensgebet in beiden deutschen Staaten mit dem beharrlichen Willen, der Sprache des (kalten) Krieges die Sprache des Friedens entgegen zu setzen. 10 Jahre haben Christen im geteilten Vaterland geglaubt und gelebt, die Sprache des Friedens sei stärker als die des Krieges, des Hasses, der Aus- und Abgrenzung. Die Glut ist leider etwas erkaltet. Sie muss neu angefacht werden. Schwerter müssen in allen Bereichen neu zu Pflugscharen umgeschmiedet werden: In der Politik, im Welthandel, im privaten Bereich. Einen anderen Weg gibt es nicht.


Gerhard Kuppler, Pfr.i.R. Lauffen a.N. (Württ.) zurzeit als Urlaubs- und Krankheitsvertretung im Kirchenkreis Meiningen.